Thurgauer Zeitung, 11. April 2016, 02:40 Uhr
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Au weia, das hat gesessen

Mathias Richling Satiriker der ersten Garde in der Bundesrepublik Deutschland 

Mathias Richling Satiriker der ersten Garde in der Bundesrepublik Deutschland (Bild: Rafael Kroetz)

Esther Simon

Kein Zweifel: Die bundesdeutsche Politik mit ihren Wichtigtuern geht dem Kabarettisten Mathias Richling zunehmend auf die Nerven. «Für das Zusammengehörigkeitsgefühl braucht es heute schon eine Katastrophe», konstatierte er am Samstagabend vor etwa 400 Zuschauern im «Thurgauerhof» in Weinfelden. «Nach den Anschlägen auf <Charlie Hebdo> marschiert der palästinensische neben dem israelischen Präsidenten, dazwischen ist Merkel eingeklemmt, die ist auch schwierig zu überbrücken.»

Bei Sigmund Freud

Überhaupt Frau Merkel: Richling schildert den Besuch der Kanzlerin beim Psychoanalytiker Sigmund Freud. «Kanzlerin, Kanzlerin?», sagt Freud, «ist mir völlig unbekannt. Wann haben Sie sich operieren lassen?» Und dann der Altkanzler Helmut Kohl. «Der hatte einen sehr übersichtlichen Wortschatz, so vier, fünf Sätze, die auf alles passen. Nur verwechselte er hin und wieder die Reihenfolge.» Richling fragt Kohl, welche drei Dinge er auf die Insel mitnehmen würde. Über Kohls Antwort – «ein Buch, ein Werkzeug, Hund und Katze» – kann sich auch Richling ein breites Grinsen nicht verkneifen. Die Bilanz: «Die Ära Kohl ist untergegangen, die Blackbox wurde nie gefunden.» Viele bekamen am Samstag ihr Fett weg: Arbeitsministerin Andrea Nahles, «die für das Alter ein neues Verfallsdatum sucht», Norbert Blüm, der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung («das Durchschnittsalter eines 70-Jährigen ist heute wesentlich höher als noch vor einem Jahr»), Finanzminister Wolfgang Schäuble («wenn ich 100 Prozent von nix kürze, ist es immer noch nix»), Bundespräsident Joachim Gauck während einer Rede: «Lieber Bundespräsident, äh, das bin ja ich. Sülz, sülz, bla, bla, oh, das sind die Anmerkungen meines Referenten.»

Die Deutschen schlucken alles

«Red ich zu schnell?», wendet sich Richling ans Publikum, «ich habe die letzten Sätze auch nicht verstanden.» Richling findet, die Deutschen sollten froh sein, dass sie in Deutschland leben: «Wir zahlen für Stuttgart 21 und den Berliner Flughafen. Franzosen und Engländer sagen, dass sie sich das gar nicht leisten könnten. Die Franzosen essen gut, die Engländer schlecht, und die Deutschen schlucken alles.» Und er wundert sich: «Wir bezahlen alles mit der Kreditkarte. Aber den Tod bezahlen wir mit dem Leben.» Dann liest er aus Merkels Regierungserklärung 2065 vor: Die Zahl der Flüchtlinge steigt auf 93,8 Millionen, «aber wir schaffen das». Es war die letzte Veranstaltung der Theater- und Konzertgesellschaft Mittelthurgau in dieser Saison.